Paradiessucher

2013, Hanser Verlag, 304 Seiten
Deutsch
14 Jahre+
Rena Dumont (Autor/in)

Lenka ist 17 und lebt mit ihrer Mutter in einer tschechischen Kleinstadt in den 80er Jahren. Schließlich machen sie sich auf in das Paradies: Deutschland. Doch zum glücklichen Ankommen gehört mehr.

"Ist es richtig, dass Mutter und ich geflüchtet sind?"

Zusammenfassung

Vieles stört Lenka an ihrem Dasein in der Tschechoslowakei. Sie kann ihren Wunsch, Schauspielerin zu werden nicht in die Tat umsetzen, da politische Beziehungen fehlen. Auch findet sie keinen Gefallen an dem vorgezeichneten Lebenslauf, der sie in der Kleinstadt erwartet. Am meisten stört sie aber die Unfreiheit innerhalb des sozialistischen Systems und vor allem die fehlenden Konsumgüter des Alltags, von Luxusgütern ganz abgesehen. Dies führt zu einer gewissen Entfremdung von der Heimat und lässt in ihr den Wunsch, in den Westen zu gehen, immer stärker werden. Dort, so ihre Vorstellung, wartet auf sie die schöne, bunte und vor allem freie Welt des Konsums.

Das zweiwöchige Urlaubsvisum nach Deutschland öffnet für sie und ihre Mutter das Tor in diese Welt und lässt Lenka den Entschluss fassen, nicht mehr in die Heimat zurückzukehren.

Obwohl es ihr nicht leicht fällt, ihr vertrautes soziales Umfeld - bestehend aus ihrem Freund Pavel, ihren Verwandten und ihren Schulfreunden - zurück zulassen und auch allerlei Ängste mit im Spiel sind, ist der Reiz des fremdem Paradieses stärker als der der eigenen, aber fremdgewordenen Umgebung.

In Deutschland angekommen, treten nicht einkalkulierte Schwierigkeiten auf. So haben sich die beiden vorher keine Gedanken über eine Bleibe gemacht und auch nicht darüber, was sie in ihrer Heimat erwarten würde, wenn sie der paradiesische Westen nicht mit offenen Armen empfängt, sondern sie abgeschoben werden. Die Sprachbarriere stellt sich ebenfalls als höher als erwartet heraus. Dieses Problem löst sich allerdings im, von der Außenwelt abgeschotteten, Asylantenlager in Königssee von selbst, da dort ohnehin kein Deutsch gesprochen wird.

Insgesamt muss Lenka nach und nach feststellen, dass das Wunschbild, das sie sich vom Westen ausgemalt hat, nur ansatzweise stimmt und die vorher so ersehnte Konsumwelt, jetzt wo sie nahe liegt, an Wert verloren hat.

Viel wichtiger wird Lenka die Integration in die deutsche Gesellschaft. Das Erlernen der deutschen Sprache, das sie als Schlüssel für dieses Unternehmen erkennt, muss von ihr aber hart erkämpft werden.

Lenka wird schließlich für ihre Willensstärke belohnt und kann auch Kontakt zu deutschen Jugendlichen knüpfen.

Das ganze Projekt ‚Integration‘ wird schließlich durch die Aufenthaltsgenehmigung, sowohl für Mutter als auch Tochter, einen entscheidenden Schritt vorangebracht.

Rezension

Sprachmischung zum Thema „Fremd-Eigen-Verstehen“

Einordnung

Beim Werk „Paradiessucher“ handelt es sich um integrierte mehrsprachige Kinder- und Jugendliteratur. Es sind einige Begriffe auf Tschechisch abgedruckt, die zum Beispiel für Mitglieder der Staatspartei verwendet werden und die Abneigung Lenkas gegenüber dem Staatsapparat ausdrücken, was aus der Reaktion der Mutter darauf ersichtlich wird.
Weiterhin werden tschechische Begriffe für Gegenstände (z.B. Backwaren) verwendet, die man in der Heimat liebgewonnen hat, die aber in der Fremde nicht verfügbar sind.
Den weitaus größeren Anteil aber machen deutsch-tschechische und auch englisch-tschechische Sprachmischungen sowie Passagen in gebrochenem Deutsch aus, die auf nicht unkomische Art und Weise die Schwierigkeit der Neuankömmlinge mit der neuen Sprache zeigen. Hier hat die Mehrsprachigkeit eine stilistische Funktion.
Andererseits kann „Paradiessucher“ auch als ein thematisch akzentuierter Text über das „Fremd-Eigen-Verstehen“ klassifiziert werden, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Lenka ist ihre tschechische Heimat fremd geworden und dennoch ist dieses das Eigene, das die Trennung erschwert. Trotzdem will sie sich die erstrebenswerte Fremde zu eigen machen, von welcher sie ein homogen positives Bild hat. Beim Kontakt mit der Fremde zeigt sich ihr aber ein differenzierteres Bild und sie stößt auf manches Eigene, das sie dort nicht vermutet hätte, entfremdet sich vom Eigenen aber immer weiter und ist doch gleichzeitig vom Fremden befremdet.
Hier tritt also ein sehr raffiniertes Spiel zwischen Fremd und Eigen auf. Dies zeigt einerseits Lenka, aber auch dem Leser/der Leserin, dass der Übergang zwischen Fremdem und Eigenem oft fließend ist.

Das Thema Auswanderung wird den Jugendlichen flott und direkt näher gebracht

Bewertung

Im ersten Roman von Rena Dumont, der zahlreiche autobiographische Züge aufweist, wird die Geschichte der Auswanderung aus der Perspektive der siebzehnjährigen Lenka erzählt. Dies hat den Vorteil, dass das Thema auf sehr flotte und direkte Weise dem jugendlichen Leser/der jugendlichen Leserin nähergebracht wird. Auch die kurzen Kapitel und der recht einfache Satzbau regen zum Weiterlesen an.
Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass im Laufe der Erzählung Lenka und auch dem Leser deutlich wird, dass die anfangs dargestellten Differenzen zwischen der für Lenka eigenen Welt der Tschechoslowakei und dem Bild, das sie von Deutschland hat, in dieser Art und Weise nicht haltbar sind. Es zeigt sich vielmehr, dass trotz der bestehenden Unterschiede auch vorher nicht vermutete Gemeinsamkeiten bestehen.
Schließlich kann weiterhin positiv hervorgehoben werden, dass die zentrale Stellung des Spracherwerbs für die Integration in die neue Gesellschaft herausgestellt wird. Diese Tatsache wird aber nicht mit erhobenem Zeigefinger gelehrt, es wird vielmehr in einem recht amüsanten Kapitel Lenkas Ringen um den Platz im Gymnasium geschildert und den Integrationsfolgen Raum gegeben, die beispielsweise im Kontakt mit deutschen Jugendlichen bestehen.
Kritikwürdig sind allerdings die detaillierten Schilderungen der zahlreichen Liebesabteuer Lenkas.
Vor diesem letztgenannten Hintergrund, kann die Altersangabe ab 14 Jahren kritisch hinterfragt werden.

Auszeichnungen

Die besten 7 Bücher für junge Leser 2013

Schlagworte

Schule Mut Anderssein Freundschaft Fremdsein Integrierte Mehrsprachigkeit