Am Ende des Regenwaldes

2019, Magellan Verlag, 96 Seiten
Deutsch, Spanisch
12 Jahre+
Marion Achard (Autor/in), Anna Taube (Übersetzer/in)

Daboka und ihre Schwester gehören zu einem kleinen indigenen Stamm im Regenwald. Sie leben dort in Frieden bis plötzlich Männer mit stinkenden Maschinen Unruhe und Gefahr bringen.

„Ich lebe im Bauch des großen Waldes. Dort, wo die Bäume so hoch sind, dass die Sonnenstrahlen das Blätterdach so gut wie nie durchdringen.“

Zusammenfassung

Daboka ist Teil eines kleinen Stammes und lebt mit ihrer Familie im Regenwald in Ecuador. Bei jedem Vollmond besuchen sie ihre Verwandten am anderen Ende des Regenwaldes und feiern zusammen. Daboka schildert die Vorbereitungen für die Reise.

Am nächsten Morgen gibt Stammesältester Popoké das Signal zum Aufbruch. Während sich der Stamm in einer Schlangenlinie lautlos durch den Wald bewegt, begegnet ihnen plötzlich ein fremder Geruch. Der verängstigte Stamm geht langsam weiter, bis ihr Weg von einer Asphaltstraße durchschnitten wird. Sie sehen und hören die riesigen Maschinen, die diese Straße gemacht haben und entdecken die Menschen, die sie bedienen. Als einer der Männer Daboka direkt in die Augen sieht, kehrt der Stamm um und flüchtet.

Kurz darauf entdecken Daboka und ihre Schwester Loca, als sie vom Fluss zurückkehren, dass alle Mitglieder ihres Stammes von den Männern getötet wurden. Die Geschwister werden gefesselt in ein Dorf gebracht. Dort rennen Leute auf sie zu, versuchen mit ihnen zu reden und fotografieren sie.

Die Menschen im Dorf versuchen Daboka und ihre Schwester zu zivilisieren. Sie werden geimpft, gekleidet und am Abend zugedeckt. Doch während sich Loca dem Leben der Fremden langsam anpasst, vergisst Daboka nicht, was im Wald geschehen ist. Daboka will zurück in den Regenwald und ihre Verwandten suchen.

Rezension

Sprache als Teil der Identität

Einordnung

Das Jugendbuch „Am Ende des Regenwaldes“ wurde hauptsächlich in Französisch verfasst und später ins Deutsche übersetzt. Die Sprachen der indigenen Stämme werden thematisiert, jedoch nicht wiedergegeben. Daboka erklärt, dass sie manche Sprachen nicht versteht, andere, wie die Sprache eines Nebenstammes jedoch verstehen kann, obwohl die Wörter anders klingen. Die Männer, die den Regenwald zerstören, sprechen Spanisch. Ihre Äußerungen werden auch in der deutschsprachigen Ausgabe unübersetzt in der Geschichte wiedergegeben. Die Bedeutung dieser Äußerungen ergibt sich somit nicht aus dem Text und kann nur verstanden werden, wenn der/die Leser/in der spanischen Sprache mächtig ist.

Für Daboka und Loca sind die spanischen Äußerungen unverständlich. Die unerklärten spanischsprachlichen Elemente ermöglichen es, die Fremdheit der Sprache auch für den/die Leser/in spürbar zu machen.

Das Buch zeigt auf, wie Sprache Teil der Identität ist. Der Stamm, zu dem Daboka und ihre Schwester gehören, sprechen eine andere, wenn auch ähnelnde Sprache als der Nachbarsstamm. Daboka verweigert die Sprache der Dorfbewohner und Mörder ihres Stammes zu lernen, als diese sie dazu zwingen, bei ihnen zu leben. Sehr gekonnt veranschaulicht das Buch auch, wie nicht nur Menschen, sondern auch die Natur ihre Sprache hat und wie diese von den indigenen Stammesmitgliedern verstanden wird.

Neben der Mehrsprachigkeit ist das Thema Fremdheit bedeutsam. Die fremden Männer mit ihren Maschinen zerstören den Frieden, die Natur, die Tiere und die Menschen im Regenwald. Sie zeigen kein Verständnis für die Völker und nennen sie „wild“ und „Tiere“. Nachdem Daboka und Loca von den Männern entführt wurden, werden sie von den Dorfbewohnern begafft. Die Menschen im Dorf versuchen, die Schwestern ihrem Leben anzupassen in dem Glauben, das zivilisierte Leben sei das Beste für die Menschheit. Das Buch „Am Ende des Regenwaldes“ wirft beim Leser/bei der Leserin die Frage auf, ob denn die „Zivilisation“ tatsächlich eine verfeinerte Lebensweise zur Folge hat.

"Der Wald ist grausam stumm. Als wäre die ganze Natur erstarrt, fassungslos, betäubt von der Dummheit der Menschen."

Bewertung

Die kurze Erzählung aus Sicht der jungen und starken Daboka ermöglicht dem/der Leser/in einen Blick in das Leben im Regenwald. Dabei gelingt es der Autorin, den Wald durch die Schilderung von Daboka sprechen zu lassen. Dinge, die von vielen als lebenslos betrachtet werden, haben im Text Gefühle, können sich äußern und zeigen sich enttäuscht. Durch die Personifikation des direkten Umfeldes von Daboka wird dem/der Leser/in ein Eintauchen in ihre Welt erleichtert: die Welt, in der „die Lianen ins Herz der Erde tauchen“, das „üppige Grün des Regenwaldes“ ihnen alles gibt, was sie brauchen, die Sonnenflecken „kleine Lichtkreise“ auf den Boden malen und der Wald Angst hat. Eine berechtigte Angst, wie sich im Laufe der Erzählung herausstellt.

„Am Ende des Regenwaldes“ erzählt nicht zu viel und nicht zu wenig. Auf 82 Seiten werden das friedliche Leben im Regenwald, die Zerstörung von Natur und Ruhe, die Gewalt und die gewaltsam durchgesetzte Zivilisierung eindrucksvoll dargestellt. Das hohe und schmale Format des Buches erinnert an Bäume, Wege und Straßen. Die auf dem Cover abgebildete blauschwarze Straße durchtrennt ein Blatt und dessen Gewebe färbt sich blutrot. Die hellen Farben leuchten auf dem sonst naturfarbenen Hintergrund des Buchcovers. Eine gelungene Einladung zur Lektüre.

Die im Buch dargelegte Problematik der Abholzung des Regenwaldes bietet eine gute Ausgangslage für die Thematisierung im schulischen Unterricht. Dieser Unterricht kann neben den Auswirkungen für die Umwelt, die im Buch betonten Folgen für die im Regenwald lebenden Menschen, Tiere und Pflanzen behandeln. Die Bedeutung von Sprache, Familie und einem sicheren Umfeld kann ebenso in den Vordergrund gestellt werden.

Schlagworte

Fremdheit Jugendbuch Übersetzung ab 12 Jahren Regenwald Ecuador Südamerika Abholzung Achard basiert auf einer wahren Begebenheit spanischsprachliche Elemente deutsch-französ. Jugendliteraturpreis (nominiert)