Über die Berge und über das Meer

2019, Gerstenberg Verlag, 318 Seiten
Deutsch
12 Jahre+
Dirk Reinhardt (Autor/in)

Soraya und Tarek leben in den afghanischen Bergen: Tarek als Nomade, Soraya in einem kleinen Dorf. Drohungen der Taliban zwingen die beiden Jugendlichen dazu, ihre Familien zu verlassen.

„Wir wollten uns das Haus einmal näher ansehen, in dem der Mann wohnt, der seine Tochter wie einen Jungen auf der Straße herumlaufen lässt.“

Zusammenfassung

Als siebte Tochter wächst Soraya nach einem alten Brauch als Junge auf, um die Ehre ihrer Familie zu retten. So kann sie als Samir zur Schule und in die Berge gehen. Bald muss die 14-Jährige jedoch ihre Freiheiten, die ihr als Junge zustehen, aufgeben.

Soraya wartet auf Tarek, den Nomadenjungen, der jedes Jahr im Frühling in ihrem Bergdorf vorbeikommt und ihr eindrucksvolle Geschichten erzählt. Doch dieses Jahr gibt es kein Zeichen von ihm.

Tarek lebt in den Bergen mit seinen Schafen und seinem Hund Dschamal. Er ist dafür verantwortlich, verirrte Schafe zur Herde zurückzubringen. Noch zwei Jahre, bis er seine Familie verlassen und selbst eine gründen wird. Auch Tarek denkt an Samir und freut sich auf das Wiedersehen. Doch der Verkauf der Wolle in den Dörfern ist durch die bedrohlichen Taliban auf der einen und die amerikanischen Truppen auf der anderen Seite zu gefährlich geworden, so dass sich die Familie dazu entschließt, in die andere Richtung zu gehen. In diesem Jahr werden Tarek und seine Familie Samirs Dorf nicht besuchen.

Die Taliban werden jedoch sowohl Soraya als auch Tarek gefährlich. Sie fordern, dass Soraya sofort als Mädchen lebt. Gleichzeitig wollen sie Tarek als Spurensucher rekrutieren. Beide Familien beschließen, ihre Kinder in die Ferne zu schicken. Soraya soll zu einem Verwandten in die Türkei und Tarek zu einem Freund seines Vaters in Deutschland.

Unabhängig voneinander beginnen Soraya und Tarek ihre Flucht, die von Ermüdung, Kälte, Hunger und Gefahren gekennzeichnet ist. Zu ihrem Erstaunen treffen die beiden in den Bergen auf einander. Hier erzählt Soraya Tarek, dass sie nicht Samir heißt und in Wirklichkeit ein Mädchen ist. Die Wege der Gruppen trennen sich wieder und während der weiteren Flucht treffen sie sich nicht wieder, auch wenn sie sich oft sehr nahe sind, ohne dies zu wissen.

Soraya erreicht Istanbul. Sie kann mit Laila, die sie auf der Flucht kennengelernt hat, bei deren Bruder wohnen. In der Fabrik, in der sie arbeitet, lernt sie Alisha kennen, die ihr Geld für eine weitere Reise nach Deutschland anspart. Soraya entscheidet sich dazu, nicht in Istanbul zu bleiben. Sie möchte ebenfalls nach Deutschland, zu Tareks Ziel.

Die weitere Flucht der beiden Protagonisten ist zuweilen lebensgefährlich und aussichtslos. Trotz allem gelingt es Tarek und Soraya, sich beim Onkel Tareks wiederzusehen.

Rezension

„Soraya kennt die beiden inzwischen so gut, dass die begreift, was sie sagen, auch wenn sie in ihrer Muttersprache reden.“

Einordnung

Mehr als Interkulturalität, ist ein Aufbruch in die Ferne Hauptthema des Jugendbuches „Über die Berge und über das Meer“. Dabei flüchten sowohl Soraya als auch Tarek vor der Bedrohung der Taliban. Ihre Familien sehen die Notwendigkeit eines Aufbruchs in der Gefahr begründet, die Taliban könnte Soraya umbringen („Hier in diesem Land gibt es keinen Platz für ein Mädchen wie dich, also musst du es verlassen“) und Tarek mitnehmen („Du hast gehört, was die Taliban gesagt haben. Sie werden bald kommen, um dich zu holen. Dann darfst du nicht mehr hier sein.“). Afghanische Flüchtlinge bekommen, anders als syrische, nicht in allen Ländern Einreise- oder Aufenthaltsgenehmigungen. Dadurch stoßen Soraya und Tarek bei ihrer Flucht auf weitere, zahlreiche Probleme.

Die Mehrsprachigkeit ist jederzeit mit der Geschichte verwoben. So ist sie nie vordergründig, jedoch häufig bedeutsam. Die primäre Sprache des Textes ist Deutsch, aber weitere Sprachen (Arabisch, Paschtunisch, Farsi, Griechisch, Türkisch) werden thematisiert. Ebenso spielt die Bedeutung von Verstehen und Nicht-Verstehen und der Fähigkeit zur Verständigung eine Rolle. Mehrsprachigkeit geht auch über das Sprechen hinaus. Dass man sich auch ohne Worte verständigen kann, wird an mehreren Stellen überzeugend dargestellt.

"Sie vermisst den Geruch der Lampen, sie vermisst die Nächte auf dem Dach, die ruhigen Atemzüge Djamilas, die Millionen Sterne, die sie sehen konnte, sie vermisst das Blühen der Obstbäume ihres Vaters."

Bewertung

Dirk Reinhardt hat mit „Über die Berge und über das Meer“ nach „Train Kids“, seinem 2015 erschienenen Roman über fünf Jugendliche, die von Mexico in die USA fliehen wollen, sein zweites Jugendbuch zu den Themen Flucht und Migration veröffentlicht. Mit der intensiven und wiederholten Thematisierung dieser Problematik innerhalb kürzester Zeit betont Reinhardt die Aktualität und Relevanz, die das Thema Flucht für Jugendliche haben kann und sollte.

Die Geschichten von Soraya und Tarek, die einzeln erzählt werden und an einigen Stellen zusammenkommen, handeln von Freundschaft und Liebe sowie von Flucht und Überleben. Wo Hoffnungen während der Lektüre durch das Aufeinandertreffen von Soraya und Tarek und ihre Fluchtgeschichten, die zuweilen parallel verlaufen, aufrechterhalten werden, wird gleichzeitig die Wahrheit nicht verharmlost und der Ernst der Situation klar dargestellt. Die ständig drohende Gefahr, die Sehnsucht und die Erwartung des Wiedersehens erzeugen Spannung beim Lesen und eine Bewusstwerdung weit darüber hinaus.

Die Flucht, die aufgrund drohender Gefahr initiiert wird, erweist sich als besonders schwierig, weil Afghanische Staatsbürger/innen nicht ohne Weiteres asylberechtigt sind und häufig abgeschoben werden. Dass diese Jugendlichen tatsächlich in Gefahr lebten und kein anderer Ausweg logisch wäre, wird einleuchtend dargestellt. Dadurch kann Verständnis entwickelt werden für Kinder, die ohne Eltern die gefährliche Reise nach Deutschland wagen.

Das Jugendbuch ist sehr gut im Unterricht einsetzbar, nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Tipps und des ausgearbeiteten Unterrichtsmaterials, die auf der Webseite des Autors bereitgestellt werden. Die Aktualität der Thematik, der mögliche Kontrast zwischen den Lebenssituationen von in Deutschland und in Afghanistan aufwachsenden Jugendlichen und mögliche ähnliche Erfahrungen von in Deutschland zur Schule gehenden Kindern bilden weitere Gründe, das Buch im Unterricht zu behandeln.

Schlagworte

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