Lauf um dein Leben

2019, Carl Hanser Verlag München, 232 Seiten
Chinesisch, Deutsch, Englisch
12 Jahre+
Wolfgang Korn (Autor/in)

Während eines Marathons wird am Straßenrand ein blutiges Paar Sneakers entdeckt. Journalist Werner Koschinski versucht das Rätsel um die Geschichte der Schuhe zu lösen.

„Ja, Wenzhou. Noch nie davon gehört? Die Stadt, nein, die Metropole hat fast 10 Millionen Einwohner. Und dort werden fast alle Schuhe in China hergestellt. Ach, was sage ich, weltweit.“

Zusammenfassung

Der jährliche Marathon steht an und die Lokalzeitung braucht eine gute Geschichte, einen „Aufhänger“, wie sie es nennen. Das Brainstorming auf der Redaktionskonferenz bleibt erfolglos. Über den am weitesten angereisten, den jüngsten, den schnellsten deutschen Läufer... über all das wurde bereits gerichtet. Doch dann kommt der richtige Anruf zur richtigen Zeit: An der Laufstrecke liegt ein Paar bunte Sneakers, das voller Blut ist. Woher kommen die Schuhe? Wem gehören sie? Warum liegen sie am Straßenrand?

Reporter Werner Koschinski soll der Geschichte auf den Grund gehen und beginnt mit seinen Recherchen. Er reist nach China, genauer nach Wenzhou, eine Metropole mit fast 10 Millionen Einwohnern und unzähligen Fabriken, wo hauptsächlich Feuerzeuge, Brillen und Sneakers hergestellt werden. Er findet dort aber nichts über die Sneakers heraus.

Während der Spurensuche müssen die Informationslücken in der Zeitung gefüllt werden. Dafür schreibt Koschinski u. a. über die Herkunft des Gummis für die Schuhsohlen, er entkräftet hartnäckige Lauf- und Sneakers-Mythen, zeigt die Geschichte der Nike-Sneakers auf und versucht zu klären, warum Kenianer und Äthiopier so gute Läufer sind. Auch wird Koschinski selbst zum Läufer und berichtet davon in der Zeitung.

Die gefundenen Sneakers, die keine billig produzierte Massenware aus China sind, werden im Labor untersucht. Bestimmte Erd-, Staub-, und Asphaltpartikel zeigen, dass die Sneakers aus Äthiopien stammen. Koschinski reist auch dorthin und findet heraus, dass die Schuhfabriken in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, von Chinesen geleitet werden. Wie auch in China werden die Billiglohnarbeiter in Äthiopien ausgebeutet.

Der Reporter ist mit einem klaren Ziel in Äthiopien: Er will und muss herausfinden, wem die Sneakers gehören und wie sie ihren Weg nach Deutschland gefunden haben. Mittels eines Plakates wird der Hersteller des Sneakers gefunden: Fabrikarbeiter Ismael stellte eigene Sneakers für seine beiden Söhne Abebe und Mammo her, die bis dahin ihre Lauftrainings barfuß absolvierten. Ismael gibt die E-Mail-Adresse seines ältesten Sohnes Abebe, der zum professionellen Läufer geworden ist und in einem Trainingscamp in Deutschland lebt. Abebe schreibt Koschinski E-Mails und erzählt seine Geschichte. Er wird von seinem Manager schlecht behandelt und will aus dem Trainingslager raus. Zudem versucht sein Bruder Mammo vergeblich nach Deutschland zu fliehen, weil er glaubt, dass es Abebe dort besser geht. Im Tausch gegen die Geschichte der Sneakers verlangen der Vater und seine Söhne, dass Koschinski und seine Redaktion den beiden helfen: Sie sollen Abebe von seinem Vertrag und Mammo von seinem Wunsch, nach Deutschland zu fliehen, befreien.

Dies gelingt durch die Gründung einer Fair-Trade-Fabrik in Addis Abeba, die von den Brüdern geleitet wird. Die Sneakers, die dort hergestellt werden, werden in Deutschland von einem Laufladenbesitzer vertrieben.

Rezension

Erwartungen eines Auslandjournalisten in China und Äthiopien

Einordnung

Das Jugendbuch „Lauf um dein Leben“ weist mehrsprachige Aspekte auf. Interkulturalität wird im Text durch Begegnungen während Koschinskis Recherchen in China und Äthiopien dargestellt. Beide Themen sind aufgrund der im Text dargestellten Globalisierung bedeutsam.

In der chinesischen Hafenstadt Wenzhou wird Sprache vor allem über das Nicht-Verstehen thematisiert. Das fängt bei den chinesischen Schriftzeichen an, die am Flughafen unübersetzt auf den Schildern erscheinen und auch im Buch abgebildet sind. Angenommene fehlende Englischkenntnisse der Chinesen („Außerdem kann kaum ein Chinese – wenn er nicht gerade in der Wirtschaft beschäftigt ist – richtig Englisch sprechen oder gar schreiben.“) werden ohne Nuancierung kritisiert und Ausspracheschwierigkeiten bei den Buchstaben „l“ und „r“ werden belustigend in die Zitationen übernommen („»Where? Where ist the factory? Can you show me!« »Aaaah, factoly! Tomollow.«”). Einzelne Aussagen werden in Amharisch, der Amtssprache Äthiopiens, genannt und jeweils übersetzt (z.B. „Sie zerren an einem, zeigen auf ihr eigenes Elend und rufen »Birr! Birr!« - »Money! Money!«“ / „Und deshalb werden sie von den chinesischen Vorarbeitern angetrieben: »Tollo, tollo!« - »Schnell, schnell!«).

Interkulturelle Kompetenz wird im Buch nicht immer gefördert, auch, da es zentral um die Darstellung von Globalisierung und der Welthandel geht. Insbesondere, wenn der Reporter sich in China befindet, werden einige seiner Vorurteile unreflektiert geschildert. Ein Beispiel stellt die erste Erkenntnis „die ich mit nach Hause nehmen werde!“ von Koschinski dar:

1. Erkenntnis: Die Chinesen sind gar nicht so freundlich, wie man häufig denkt. Und schon gar nicht so sauber und ordentlich, wie es immer dargestellt wird!
Die Chinesen gelten eigentlich als sehr kultiviert, also zurückhaltend und immer freundlich lächelnd. Doch die Realität sieht anders aus. Die Chinesen in Wenzhou sind sehr ruppig. Sie gucken die ganze Zeit böse und stoßen einen überall an, auf der Rolltreppe, an Eingängen. Vor allem jedoch: Sie spucken überall hin, nicht nur im Freien, auch im Flughafen auf den polierten Boden, selbst im Flugzeug oder im Hotel auf die Teppichläufer. Eklig.

Ein Teil dieser Erkenntnis wird später im Text hinterfragt. Ebenso  gelingt es dem Autor an einigen weiteren Stellen besser, ein Verständnis für andere Kulturen und Lebensweisen zu fördern. Dies passiert hauptsächlich in eingefügten Informationskästen, die neutral formuliert sind. Die gelb hinterlegten Absätze sprechen Themen an wie: „Alle Chinesen sehen gleich aus – Europäer aber auch“, „Afrika I – dunkler, gefährlicher Kontinent?“ und „Was Äthiopien so einmalig macht“.

"Trotz all seiner natürlichen Reichtümer ist Afrika der arme Kontinent - warum?"

Bewertung

„Lauf um dein Leben“ ist eine gelungene Kombination aus Sachbuch und einer spannenden Spurensuche. Die Informationsabsätze zur Herstellung von Sneakers, zur Geschichte von Äthiopien und zum Aufbau der Produktionsmetropole Wenzhou enthalten wissenswerte Fakten. Die Herstellung von Schuhen, die von den meisten Jugendlichen täglich getragen werden, wird deutlich, sachlich und interessant dargestellt. Die Reise, die Sneakers ablegen, bevor sie zu uns kommen und die Menschen, die daran arbeiten, werden überzeugend geschildert. So ist das Thema für Jugendliche relevant und wichtig, um den Welthandel und auch die negativen und möglicherweise nicht eindeutigen Folgen der Globalisierung zu verstehen. Warum Wirtschaftsflüchtlinge ihren Weg nach Europa suchen, wird in der verpackten Fluchtgeschichte von Mammo für den/die Leser/in verständlich gemacht.

Die Darstellung der anderen Länder, insbesondere China, dürfte an manchen Stellen vielseitiger sein. Die Chinesen werden zunächst als schlechte, sprachunbegabte, dreckige und asoziale Menschen dargestellt. Dieses Bild wird im Text zwar zum Teil berichtigt bzw. nuanciert, gleichzeitig bleibt aber der nicht immer differenzierte Umgang mit Fremdheit teilweise aufrechterhalten. Nuancierende Ergänzungen wie "Es gibt auch erfreuliche Ausnahmen", zur Erkenntnis, dass Chinesen unfreundlich seien sowie die "Grundlagen" in die chinesische Lebensweise, die Koschinski am Flughafen von seiner chinesischen Begleitung erklärt bekommt, könnten die Basis einer Diskussion des dargestellten Weltbildes im Unterricht bilden.

Die Erzählung Koschinskis, der seine Erlebnisse aus der Ich-Perspektive aufzeichnet, wirkt manchmal etwas trocken und langwierig. Zusätzlich könnte das Hineinversetzen in den Protagonisten aufgrund des großen Altersunterschiedes zwischen ihm und den beabsichtigten Rezipient/innen schwierig sein. Diese möglicherweise beabsichtigte Distanz erleichtert jedoch das Hinterfragen des geschilderten Weltbilds des Protagonisten.

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